Seit einigen Tagen häufen sich Berichte in Blogs und auf Reddit: Wer sich neu bei Anthropic für den Pro-Tarif anmeldet, findet auf der Preisübersicht keinen Hinweis mehr auf Claude Code – jenes agentenbasierte Coding-Werkzeug, das gerade für Entwicklerinnen und Entwickler zu den zentralen Argumenten für das kostenpflichtige Abo zählt. Ein Anthropic-Manager bestätigte auf X, dass es sich um einen laufenden Test handle, der zwei Prozent aller Neuanmeldungen betreffe. Was mit diesen Nutzern konkret passiert – ob sie Claude Code dennoch nutzen können oder dauerhaft davon ausgeschlossen bleiben – ließ er offen. Eine Stellungnahme gegenüber heise developer stand zum Redaktionsschluss noch aus.
Kapazitätsdruck trifft die gesamte Branche
Der Schritt fügt sich in ein Muster ein, das sich quer durch die KI-Coding-Branche zieht. Anthropic hat bereits die Nutzung externer Automatisierungstools wie OpenClaw eingeschränkt, Google zog für die Gemini CLI ähnliche Grenzen. Am deutlichsten handelte Microsoft: Der Konzern stoppte Neuanmeldungen für GitHub Copilot Pro vollständig und entfernte die rechenintensiven Opus-Modelle aus den Endnutzertarifen – genau jene Modelle, die beim Programmieren die besten Ergebnisse liefern. Für Einzelentwickler bedeutet das in der Praxis, in teurere Business-Tarife wechseln zu müssen, ohne dabei die Flexibilität eines einfachen Privatabos zu behalten. Der Engpass ist kein Zufall: KI-Agenten, die selbstständig Code schreiben, testen und iterieren, verbrauchen ein Vielfaches der Rechenkapazität verglichen mit einfachen Chat-Anfragen.
Was das Bild bei Anthropic zusätzlich kompliziert: Laut der Heise-Berichterstattung hat das Unternehmen auch Sicherheitsforschern, deren Experimente der Dienst standardmäßig zunächst blockiert, neue Registrierungsanforderungen auferlegt. Für sie ist kein Persona-Abgleich vorgesehen, wohl aber ein Business-Zugang mit Organisations-ID – was Einzelpersonen, die im Bereich Sicherheitsforschung tätig sind, faktisch ausschließt.
Identitätsprüfung per Persona wirft Datenschutzfragen auf
Parallel dazu berichtet mindestens ein Neukunde, er sei bei der Anmeldung zur Identifizierung über den US-Dienstleister Persona aufgefordert worden. Persona verlangt ein Ausweisdokument sowie ein Live-Foto des Gesichts – ein Verfahren, das in Datenschutzdebatten regelmäßig Kritik auf sich zieht. Discord trennte sich nach öffentlichem Druck wieder von dem Dienst. Bemerkenswert ist, dass Anthropics aktuelle Datenschutzrichtlinien keinen Hinweis auf Persona enthalten – eine Lücke, die datenschutzrechtlich relevant sein könnte, sollte der Einsatz tatsächlich ausgeweitet werden. Heise developer hat dazu eine Anfrage an Anthropic gestellt, die bisher unbeantwortet blieb.
Der Vorfall zeigt, wo der eigentliche Riss verläuft: nicht zwischen KI-Anbietern und ihren Großkunden, sondern zwischen dem Versprechen offener, erschwinglicher KI-Werkzeuge und der betriebswirtschaftlichen Realität, die hinter diesen Modellen steckt. Einzelentwickler, die auf leistungsstarke Coding-Assistenten angewiesen sind, stehen zunehmend vor der Wahl, höhere Tarife zu akzeptieren oder auf Alternativen auszuweichen – während die Anbieter ihre Kapazitäten stillschweigend neu verteilen.