Amazon hat seinem KI-Geschäft in der Cloud erstmals eine klarere Größenordnung gegeben. CEO Andy Jassy schrieb in seinem Aktionärsbrief für 2025, die KI-Dienste von Amazon Web Services hätten im ersten Quartal 2026 eine annualisierte Umsatzrate von mehr als 15 Milliarden US-Dollar erreicht. Für Amazon ist das ein wichtiges Signal: Der Konzern will zeigen, dass die massiven Investitionen in Rechenzentren, eigene Chips und Modellplattformen nicht nur Zukunftserzählung sind, sondern bereits messbare Nachfrage erzeugen.
Die Formulierung ist allerdings entscheidend. Eine annualisierte Umsatzrate ist keine bestätigte Jahressumme, sondern eine Hochrechnung auf Basis eines aktuellen Quartalsniveaus. Sie zeigt, wie groß das Geschäft bei gleichbleibender Laufgeschwindigkeit wäre. Sie sagt nicht, dass AWS im Kalenderjahr 2026 garantiert genau diesen Betrag mit KI-Diensten erlöst.
Was Jassy tatsächlich gesagt hat
Im Aktionärsbrief stellt Jassy die Entwicklung von AWS im KI-Zyklus dem frühen Wachstum der Cloud-Sparte gegenüber. Drei Jahre nach dem kommerziellen Start von AWS habe die Sparte eine Umsatzrate von 58 Millionen Dollar erreicht; drei Jahre in der aktuellen KI-Welle liege die annualisierte KI-Umsatzrate von AWS bei mehr als 15 Milliarden Dollar und steige weiter. Damit ordnet Amazon KI als eigenständigen Wachstumstreiber innerhalb des Cloud-Geschäfts ein.
Dazu zählen nicht nur einzelne Chatbot-Produkte. Der größere Teil des Geschäfts dürfte aus Infrastruktur, Modellzugang, Datenplattformen, Amazon Bedrock, Trainings- und Inferenzkapazität sowie kundenspezifischen Chips wie Trainium bestehen. Für Unternehmen geht es weniger um eine einzelne App als um Rechenleistung und Werkzeuge, mit denen KI-Funktionen in bestehende Produkte integriert werden.
Die Zahl passt zum stärkeren AWS-Quartal
Die jüngsten Quartalszahlen stützen die Erzählung eines wieder beschleunigten Cloud-Geschäfts. Amazon meldete für das erste Quartal 2026 AWS-Umsätze von 37,6 Milliarden Dollar, ein Plus von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit wächst AWS auf einer sehr großen Basis wieder schneller als in mehreren vorangegangenen Quartalen.
Für Investoren ist das relevant, weil Amazons Kapitalausgaben stark steigen. Neue Rechenzentren, Stromversorgung, Netzwerktechnik und KI-Beschleuniger binden enorme Mittel, bevor sie vollständig monetarisiert werden. Jassys Botschaft lautet daher: Die Ausgaben sind hoch, aber sie stehen einer Nachfrage gegenüber, die nicht nur hypothetisch ist.
Warum der Vergleich mit Microsoft und Google schwierig ist
Der Markt vergleicht Amazons KI-Zahlen zwangsläufig mit Microsoft Azure und Google Cloud. Solche Vergleiche bleiben aber ungenau, weil die Anbieter ihre KI-Umsätze unterschiedlich abgrenzen. Einige zählen nur direkte KI-Dienste, andere auch Infrastruktur, Copilot-ähnliche Produkte, Modellzugänge oder Chipnutzung. Eine annualisierte Run-Rate ist zudem etwas anderes als ausgewiesener Jahresumsatz nach Segment.
AWS hat einen strukturellen Vorteil: Die Sparte ist seit Jahren die größte Cloud-Plattform nach Umsatz und verfügt über tiefe Beziehungen zu Unternehmenskunden. Gleichzeitig ist der Wettbewerb härter geworden. Microsoft bindet OpenAI eng in seine Plattform ein, Google vermarktet eigene TPU-Infrastruktur und Gemini-Modelle, und spezialisierte Anbieter versuchen, Trainings- und Inferenzkosten zu drücken.
Was offen bleibt
Amazon nennt die 15-Milliarden-Dollar-Marke, liefert aber keine vollständige Aufschlüsselung nach Diensten, Margen oder Kundengruppen. Für die Bewertung der KI-Strategie wird deshalb entscheidend sein, ob die Nachfrage in den kommenden Quartalen anhält und ob die hohen Investitionen in Infrastruktur langfristig zu profitablen Workloads führen.
Die Zahl ist also stark, braucht aber Kontext. AWS zeigt ein großes und schnell wachsendes KI-Geschäft. Ob daraus ein dauerhaft margenstarker Wachstumsmotor wird, hängt davon ab, wie effizient Amazon Rechenkapazität aufbaut, wie gut eigene Chips angenommen werden und wie stabil Unternehmenskunden ihre KI-Projekte in Produktion bringen.