Nahezu alle Deutschen sprechen sich für digitale Unabhängigkeit von außereuropäischen Technologiekonzernen aus – handeln aber kaum danach. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom, die im April 2026 veröffentlicht wurde, befürworten 99 Prozent der Befragten digitale Souveränität für Deutschland und Europa. Gleichzeitig geben lediglich sechs Prozent an, tatsächlich KI-Dienste aus der Europäischen Union zu nutzen. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist damit erheblich.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander

Der Befund ist nicht neu, aber selten so scharf in Zahlen gefasst worden: Digitale Souveränität gilt in Deutschland als breiter gesellschaftlicher Konsens. Doch wenn es um konkrete Produktentscheidungen geht, dominieren US-amerikanische Anbieter wie OpenAI, Google oder Microsoft den Markt – auch bei KI-gestützten Anwendungen. Europäische Alternativen wie das französische Mistral AI oder der deutsche Anbieter Aleph Alpha fristen nach wie vor ein Nischendasein, obwohl sie technologisch zunehmend aufgeholt haben. Bitkom vertritt nach eigenen Angaben rund 2.200 Unternehmen der deutschen Digitalwirtschaft und befragt regelmäßig Verbraucher und Unternehmen zu Digitalisierungsthemen.

Die genauen Erhebungsmodalitäten der aktuellen Umfrage – etwa Stichprobengröße, Befragungszeitraum und Methodik – waren zum Redaktionsschluss nicht vollständig aus unabhängigen Quellen nachprüfbar. Bitkom hat die Ergebnisse nach übereinstimmenden Medienberichten, darunter Heise Online, jedoch offiziell kommuniziert. Die Kernaussagen – 99 Prozent Zustimmung zur digitalen Souveränität, sechs Prozent tatsächliche Nutzung europäischer KI – werden dem Verband direkt zugeschrieben.

Warum europäische KI-Dienste kaum genutzt werden

Gründe für die geringe Nutzung europäischer KI-Angebote dürften vielfältig sein. Bekanntheit und Verfügbarkeit spielen eine Rolle: Viele Nutzerinnen und Nutzer kennen EU-basierte Dienste schlicht nicht oder empfinden den Wechsel als aufwendig. Hinzu kommt, dass etablierte US-Plattformen oft tief in bestehende Software-Ökosysteme integriert sind – von Microsoft 365 bis Google Workspace. Für Unternehmen bedeutet ein Wechsel häufig Schulungsaufwand, Datenmigration und Kompatibilitätsfragen.

Auf politischer Ebene wird das Thema seit Monaten intensiver diskutiert. Die EU-Kommission hat mit dem AI Act einen Regulierungsrahmen geschaffen, der ab 2025 schrittweise greift und unter anderem Transparenzpflichten für Hochrisiko-KI-Systeme vorschreibt. Parallel dazu fördern Deutschland und andere EU-Staaten Initiativen zur Stärkung europäischer Cloud- und KI-Infrastruktur. Ob diese Maßnahmen die Nutzungszahlen mittelfristig verschieben, bleibt offen.

Der politische Druck wächst – die Marktmacht bleibt

Die Bitkom-Zahlen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Abhängigkeit europäischer Wirtschaft und Verwaltung von US-Technologie politisch erneut unter Druck geraten ist. Debatten um Cloud-Souveränität, Datenschutz und mögliche Exportbeschränkungen haben in mehreren EU-Ländern Fahrt aufgenommen. Die Umfrage liefert dafür eine prägnante Zahl: Wer neunundneunzig Prozent Zustimmung zur Unabhängigkeit bei sechs Prozent tatsächlicher Praxis gegenüberstellt, erkennt, dass das Problem weniger in der politischen Haltung liegt als im Alltagsverhalten. Bitkom fordert dem Bericht zufolge gezielte Maßnahmen, um europäische Anbieter sichtbarer und nutzerfreundlicher zu machen – konkrete politische Empfehlungen lagen zum Redaktionsschluss nicht in verifizierter Form vor.